Tages-Anzeiger züri-tipp 28.Februar 1992
Fabrikjazzkonzert
The Great Musaurian Songbook
Die Lieder des steinalten Hirtenvolks

Eine Liedersammlung von unschätzbarem Wert wird endlich auch bei uns vorgestellt. Vor dem Abflug zu einer Tournee durch Kungusien hatte Peter Bürli Gelegenheit, sich mit Claudia Ulla Binder, Alfred Zimmerlin und Dieter Ulrich von "The Great Musaurian Songbook" zu unterhalten. Für Nicht-eingeweihte: Das "Great American Songbook" ist heute kaum mehr ein Begriff, wohl aber das "Great Musaurian Songbook". Wie kam das?
Gute Frage! Auf unseren Forschungsreisen sind wir hinter Kungusien in die musaurischen Niederungen gelangt, wo uns ein alter Hirte der Urbevölkerung mit einem unschätzbaren Codex überraschte, der das archaische Liedgut dieses vergessenen Kulturkreises birgt. In den Monaten darauf gelang uns die damals so aufsehenerregende Entschlüsselung der kompliziert-kryptischen Notation: eine merkwürdige Mischung zwischen mozzarabischen Neumen, gotischer Hufnagelnotation und Ars subtilior. Die so revitalisierte Klangwelt verdrängte in der Folge das Great American Songbook innert weniger Jahre fast völlig.
Wo liegt das spezielle Potential dieser musaurischen Songs?

Gute Frage! Ihre klar strukturierte Offenheit, die lyrische Monumentalität und ihr roher Schmelz ermöglichen eine Erschliessung des reichen Materials mit Netz und doppeltem Boden.
Eure Besetzung erinnert entfernt an das früher einmal bekannte Standard-Trio eines Pianisten Namens Jarrett. Wird das eventuell auch ältere Hörerinnen und Hörer motivieren?
Gute Frage! Die verblüffende Zeit- und Geschmacklosigkeit der musaurischen Halbweisen spricht sogar Vollwaisen an. Demgegenüber war der eingangs erwähnte Hirte ein wahrer Mu-Saurier.
Welche Hits und Standards aus dem "Great Musaurian Songbook" werdet ihr spielen?
Gute Frage! Wir dachten z.B. an Nr. 24, Nr. 138, Nr. 277 verso und 312 postum (GMS-Verzeichnis).
An zeitgenössischen Versionen der musaurischen Songs fehlt es heute wahrlich nicht. Wo kann man diese Standards noch im Original hören?
Gute Frage! Wohl niemand nähert sich heute noch dem originalen Klangbild so gewissenhaft und partiturgetreu wie das "Great Musaurian Songbook".
Gute Antwort! Wann erscheint endlich eure neue CD mit dem Potpourri der schönsten musaurischen Songs?
Gute Frage!


Zürcher Tages-Anzeiger März 1992
Tobende Ordnung
Eine "Night of Zurich" in der Roten Fabrik

Unter der Affiche "Night of Zurich" präsentierte das Fabrikjazz-Kollektiv am Freitag in der Roten Fabrik gleich zwei Premieren: The Great Musaurian Songbook mit der Pianistin Claudia Ulla Binder und die Tobende Ordnung, ein neues Sextett um die Saxophonistin Co Streiff. Beides Zürcherinnen.
VON PETER BÜRLI
Ein "Heimspiel" sollte es allerdings für beide Bands nicht werden, der Zürcher Jazzszene fehlt der Chauvinismus, mit dem die Zürcher Fussballfans, wenn auch nicht unbedingt positiv, auffallen. Ein bisschen mehr Unterstützung, vor allem was den Zulauf anbelangt, hätten die beiden Ensembles aber doch verdient. Denn: Was sowohl die beiden Musikerinnen und ihre Mitmusiker an Konzepten und erarbeiteten Strukturen, überhaupt an Zugängen zur Improvisation auftischten, konnte sich durchaus hören lassen.
Die Pianistin Claudia Ulla Binder kokettierte im Trio mit dem Cellisten Alfred Zimmerlin und dem Schlagzeuger Dieter Ulrich nie mit der Tradition des klassischen Klaviertrios im Jazz. Was der Gruppenname vielleicht andeuten mochte, eine gewisse ironische Verbindung zum. Mainstreamjazz des Great American Songbook, erwies sich in der Praxis als konsequente Absage an vorgefertigte Strukturen und Schemen.
Claudia Ulla Binder setzt den Flügel als eine Art Natursynthesizer ein, als Lieferant von Klängen verschiedenster Herkunft. Zu ihrer Erzeugung eignen sich sowohl die herkömmlich gespielte Tastatur wie auch der Resonanzboden, der Deckel und vor allem die direkt von Hand angezupften Saiten. Wichtig sind in diesem Klangfarbenspiel natürlich die Obertöne, welche den Konturen die Tiefe und den Farben die Kraft geben. Wenn allerdings durch die Saalverstärkung vor allem die Höhen weggefiltert werden, haben es die Hörerinnen und Hörer natürlich schwer, dem schnell wechselnden Spiel von Licht und Schatten zu folgen. Und genau damit agierten die drei Musaurierlnnen sehr hellhörig und reaktionsschnell, Claudia Ulla Binder an ihrem Natursynthi, Alfred Zimmerlin mit Bogen und Plektrum auf seinem elektronisch verstärkten Cello und Dieter Ulrich mit Besen und Stöcken auf Becken und Fellen.


Zürcher Tages-Anzeiger 29.April 1992
Kwatz-Quintett
Harte Eingriffe


Kwatz macht's, wer's glaubt, ist selber schuld, wenn in Indien oder sonstwo der spirituelle Meister seine Mönche mit dem Zuchtrütlein "pfitzt", damit sie nicht vor Ende der Vorstellung einschlafen. Kwatz machte es am Montagabend auch im Theater an der Winkelwiese.

VON CHRISTIAN RENTSCH

Draussen das Sechseläuten, drinnen Kwatz, der Kontrast hätte nicht grösser sein können. Kein "Sechseläuten-Marsch", auch keine Blumensträusschen für die Herren zu Ross, und schon gar nicht Rokoko, Biedermeier oder Landpomeranzen-Tracht. Das Kwatz-Quintett der Zürcher Pianistin Claudia Ulla Binder mit der Vokalistin Dorothea Schürch, dem Cellisten Alfred Zimmerlin (beide Zürich), dem Schlagwerker Roger Turner und dem Saxophonisten John Butcher (beide Grossbritannien) ist mit erfrischender Radikalität zugange. Es verbindet die frei improvisierte Musik der neunziger Jahre mit ihren Sound- und Strukturexperimenten mit der Heftigkeit des Freejazz der sechziger Jahre.
Das geht deshalb so gut, weil die Musikerinnen und Musiker, vor allem aber Zimmerlin und Binder, spannungsvolle, wenn nicht höchst widersprüchliche Doppelbegabungen haben: eine ebenso starke Expressivität wie Kontrolliertheit. Beide, hin und wieder auch Butcher und Turner, arbeiten mit zwar keineswegs einfachen, aber klaren Strukturelementen, klanglichen ebenso wie formalen. Das ergäbe ein mehr oder weniger stabiles musikalisches Gerüst, an dem die übrigen Musiker ihre flippigen Kapriolen herunterturnen könnten. Aber so einfach machen sich's die fünf Kwatze nicht. Die Stabilität der musikalischen Strukturen ist nur eine scheinbare; Binder und Zimmerlin sorgen selber mit heftigen Eingriffen dafür, dass die Sache immer wieder neu und überraschend in Bewegung gerät.
Roger Turner, Dorothea Schürch und John Butcher sind ideale Mitspieler in diesem Konzept. Turner ist ein Schlagzeuger, der lostrommeln kann wie ein Wilder, der aber auch feine Töne drauf hat, wenn er etwa mit Stricknadeln und Schaumgummi seine Becken und Trommeln traktiert, Und Schürch gehört ohnehin zu den spannendsten Sängerinnen der jungen Szene, ein - pardon - musikalisches Urviech, das stöhnt, keucht, zwitschert, kreischt und hin und wieder auch singt, aber - ganz im Gegensatz zu den meisten übrigen Stimmakrobaten - eine gute Balance gefunden hat zwischen Extravaganzen, Clownerien und ruhigen, ernsthaften Klängen. John Butcher, ein Musiker feinster Zwischentöne und lyrischer Melodiepartikel, hatte es an diesem Montagabend etwas schwerer gegen dieses ausgelassene, spielfreudige Quartett. Im zweiten Set, als die vier sich gegenseitig so richtig kwatzten, zwei laute und lärmige Spannungsbögen hinlegten, konnte sich Butcher vor lauter Schreck nur noch die Ohren zuhalten. Dass es einmal so überbordend wild und ausgeflippt zu- und hergehen kann, dass die Musiker darob selber fast am meisten überrascht sind, spricht für diese Musik. Das Unerwartete spielen ist für Kwatz offensichtlich keine leere Floskel.


HumaNoise Congress '92 Wiesbaden
VON GERHARD WESTERRATH

Menschenlärm, humanoide Lautäußerungen, Seelenklang, Musik? Wie auch immer man den Namen HumaNoise verstehen mag - das Treffen Mitte Juni in Wiesbaden hat gezeigt, welche künstlerische und soziale Kraft die radikalfreie Spielhaltung entfalten kann. Besonders dann, wenn die wenigen und weit verstreuten VertreterInnen dieses Dialektes der freien Musik so außergewöhnlich kommunikative Bedingungen vorfinden. Dafür steht der Begriff HumaNoise: menschliche Begegnung und musikalischer Austausch vom Frühstück bis nach Mitternacht. Proben am Tag und Konzerte am Abend. Viel Zeit, um alle möglichen Kombinationen von Instrumenten und Spielauffassungen ins Spiel zu bringen: HumaNoise ist eine Initiative von Mitgliedern der Wiesbadener Kooperative New Jazz, die seit über 10 Jahren im Bereich Neuer Musik und verwandter Ausdrucksformen arbeitet. Seit 1987 war dies der vierte HumaNoise Congress: 12 MusikerInnen aus ganz Europa, drei Tage im Zeichen freier, nicht-idiomatischer Improvisation.
Nicht idiomatisch? Vielleicht entwickelt sich der Dialekt unter unseren Ohren zu einer Sprache, deren Spielregeln und Gesetzlichkeiten von Musikwissenschaftlern der nächsten Generation enträtselt werden. Zu einem Idiom, dessen Gesamtsound sofort identifizierbar ist, auch wenn Wiederholung und Wiedererkennbarkeit dem ständigen Fluß der Dinge untergeordnet sind. HumaNoise '92 hat mir jedenfalls einmal mehr bewußt gemacht, daß auch die radikal-freie Spielart mit Vorstellungen von richtig und falsch operiert. Allerdings werden falsche Töne nicht sanktioniert, sondern in den menschlich-musikalischen Diskurs integriert. Wie sagte John Cage zu Fluxus-Zeiten: I welcome everything.
In diesem Sinne willkommen waren die sehr persönlichen Ausdrucksweisen der einzelnen MusikerInnen: die Gitarristik von Erhard Hirt und Jean-Marc Montera; die grundverschiedenen Klaviersounds von Uwe Oberg und Claudia Ulla Binder; die Bläserkonzepte von Maud Sauer (Oboen), Uwe Buhrdorf (Klarinette), Paul Hubweber (Posaune) und Dirk Marwedel (Saxophon); die kontinuierlichen Umbauarbeiten der beiden Schlagzeuger Wolfgang Schliemann und Jim Meneses, die filigranen und listenreichen Streicheinheiten von Helmut Bieler-Wendr die einzigartigen Klangströme von Ulrich Phillips präpariertem Kontrabaß. Derart ausgeprägte Individualität wurde in einer letztlich entscheidenden Gemeinsamkeit aufgehoben: einem geistigen Klima, geprägt von der Dringlichkeit der musikalischen Anliegen. Der Freiraum wurde konsequent und verantwortungsbewußt genutzt. Die oft erstaunlichen Einzelklänge im Gruppenkontext konnten so zusätzlich Gestaltungskraft entwickeln. Daß dabei übergeordnete musikalische Zusammenhänge wichtiger genommen wurden als das Vorzeigen unkonventioneller Spielweisen, machte die besondere musikalische und soziale Qualität des Treffens aus. Musterbeispiel für Integration und heimlicher Höhepunkt des Festivals war das Trio Binder/Hubweber/Pillipp. Hier wurde die suggestive Kraft der Konzentration spürbar. Behutsam und traumwandlerisch sicher gingen die drei mit sich und ihren Instrumenten um. Der innige Klavier-Ton von Claudia Ulla Binder, das erdig-expressive, dabei wunderbar nuancenreiche Posaunenspiel von Paul ('Soulbrother') Hubweber und die inspirierte Abstraktion von Ulrich Phillipp - die Klänge verbanden sich untrennbar zu einem Geflecht von fremdartiger, berückender Schönheit.
Heftiges Klanggewitter dagegen produzierte eine reine String-Formation: zwei Gitarren, zwei Streicher. Dunkel rollende Energiewellen, untergründig strukturiert von Jean-Marc Monteras oft grund-tonbezogener und riff-orientierter E-Gitarre, überlagert von mutierten, geloopten und kompromißlos durchgesetzten Viola-Patterns. So dicht und dräuend kamen die Klangschübe, daß mancher gute Ansatz nicht ausgeführt wurde. Blieb die Freiheit des Hörers, angefangene Ideen selbst weiterzuhören, auch wenn die Musiker längst woanders waren.
Derselbe klanggewaltige Helmut Bieler-Wendt entlockte seiner unverstärkten Geige die feinsten, fast anrührend vibrierenden Nuancen. Kommunikative Angebote an Maud Sauer, die im ganz unelektrischen Set HBW/Sauer/Hubweber/Phillipp ihre schönsten Passagen hatte: scharf gezirkelte Stakkato-Reihen und fein schwingende Kantilenen. Zur Klangvielfalt nutzte sie weniger ihren ausgebildeten Ansatz als ihr reichhaltiges Oboen-Instrumentarium. Interessante Annäherungen und Reibungen ergaben sich zwischen ihrer Oboe und Dirk Marwedels durchdringendem Sopranino-Saxophon. Seine Stakkato-Salven kamen prasselnd, knackend, klackernd. Unverkennbar auch Marwedels mitunter szenischer Einsatz von Präparationen und small instruments, vom Gartenschlauch über Luftballons bis zu Spielzeug-Sirenen und Vogel-Lockrufen. Ein Sammelsurium bunter Klänge, die allerdings nicht immer leicht zu plazieren sind.


Neue Zürcher Zeitung 6. September 1994
Rückblick auf das 20. Jazzfestival in Willisau
VON NICK LIEBMANN

...Im hintersten und vielleicht interessantesten Winkel des Ladens befindet sich der Wühltisch, aus dem man geheimnisvolle Pakete mit Aufschriften wie "Musaurien" entnehmen kann. Dahinter verbirgt sich die flexible, frei improvisierende Zürcher "Rhythmusgruppe" mit der Pianistin Claudia Ulla Binder, dem Cellisten Alfred Zimmerlin und dem Schlagzeuger Dieter Urich, die sich gemeinsam mit dem amerikanischen Gastsolisten Vinny Golia (diverse Holzblasinstrumente) auf Schatzsuche im "Musaurian Songbook" begab und auch fündig wurde. Hier wurde aufmerksam gelauscht und kommuniziert. ...

Zürcher Tages-Anzeiger 31.Januar 1994
Volles Risiko
Claudia Ulla Binder
VON PETER BÜRLI

Als die Pianistin Claudia Ulla Binder 1992 einen Kompositionsauftrag des Kantons Zürich erhielt, tat sie nicht, was viele andere in solchen Fällen zu tun pflegen, nämlich auf Nummer Sicher gehen. "Meine spontane Entscheidung war, solo zu spielen (was ich sonst fast nie tue)", bekennt sie offen im Programmtext.
Diese Risikofreudigkeit machte sich vor allem im ersten Teil des von der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik) und der WIM (Werkstatt für improvisierte Musik) koproduzierten Porträt-Konzertes vom letzten Freitag im Radio Studio Zürich bemerkbar. Claudia Ulla Binder näherte sich der hochglanzpolierten Kiste auf relativ unkonventionelle Weise: mit Hilfe von kleinen Bällen, die sie über die Saiten und den Resonanzboden tanzen liess, funktionierte sie den Flügel zu einem Produzenten von ungewöhnlich weichen, flirrenden Klangflächen um.
Mit dem ersten, auf den Tasten erzeugten Ton wurde so die ganze Breite des Klangspektrums hörbar, das die Pianistin ausnützt: In der Folge oszillierte ihr Spiel des öfteren zwischen diesen beiden Polen. Das hatte etwas Forschendes, Suchendes und manchmal auch Beliebiges. Auf jeden Fall kam in dieser vielgestaltigen Durchdringung von Klang und Struktur nie Langeweile auf.
Ganz andere musikalische Qualitäten zeigte Claudia Ulla Binder dann im Duo mit dem Londoner Tenor- und Sopransaxophonisten John Butcher: Mit Hellhörigkeit und einem sicheren Gefühl für die Spannungsverläufe im Spiel des Bläsers steuerte sie ihren Teil zu diesem offenen Dialog zwischen zwei gleichberechtigten Partnern bei. John Butcher, der in zwei kürzeren Soli vor allem mit seiner ausgefeilten Mehrklangtechnik überzeugt hatte, verlangte ihr dafür ein gerüttelt Mass an Flexibilität ab.


Radio DRS 2 26. Mai 1994
Die Boswiler "Oktode" oder Was ist Jazz?
VON FRITZ MUGGLER

Noch selten hat man freie Improvisationen gehört, die so geschlossen und in der konsequenten und steten Entwicklung so logisch aufgebaut wirkten, wie hier, weil die Musikerinnen aufeinander zu hören und aufeinander zu reagieren vermochten.
Bei den acht Musikerinnen handelt es sich um die drei Vokalistinnen Hanna E. Hänni, Marianne Schuppe und Dorothea Schürch, um die bekannte Zürcher Pianistin Claudia Ulla Binder und die eindeutig aus dem Jazzberieich kommende Co Streiff (Saxofon) und Birgit Uhlherr (Trompete); dazu kommen zwei Ausländerinnen, die beide aus dem Bereich der "klassischen" Musik stammen: die Australierin Stevie Wishart, die Geige und Drehleier spielt und die hauptsächlich in Deutschland lebende amerikanische Schlagzeugerin Robyn Schulkowsky.


Gränzbote Tuttlingen 2.Oktober 1995
Solo-Konzert
Frauenhaus-Jubiläumskonzert mit neuen Klangerlebnissen
Statt vielfach Gehörtem spannende Improvisation

Tuttlingen - "Unerhörte Klänge" lautete die Überschrift zum Konzert anläßlich des Tuttlinger Frauenhaus-Jubiläums im Evangelischen Gemeindehaus. ' Was man zu hören bekam, war eine große Überraschung. Das Konzert eröffnete die gebürtige Neuhauserin Claudia Binder, Pianistin, die jetzt in Zürich lebt. Was kann man dem Klavier schon abverlangen? Tausendmal gehörte Musik in allen Stilarten! Gibt es da noch die ganz andere Möglichkeit? Ja, die gibt's!
Wie Wasserspiele begann der erste Satz, doch bald kam starke Emotion hinzu, wildes Rumoren, Aufbruch wildester Gefühle. Dann gestrichene Töne wie von einer Glasharfe, fremde, noch nie gehörte Klänge, Fernöstliches kam da aus dem Klavier. Wie kann man solche Töne aus einem. Flügel zaubern? Ein kleines Plastikgerät legte sie auf die eine und andere Seite, das diese dann elektronisch in Dauerschwingung versetzte. Dann wieder impulsive Lebendigkeit. Man erlebte hier Schöpfung, das Entstehen eines Geschöpfs. Der zweite Satz war eine Art Scherzo mit skurrilen, witzigen Sprüngen, und dann erlebte man ein Bächlein zwischen schroffen Felsen. Der dritte Satz begann und schloss mit Klopfgeräuschen, wobei verwunderlich war, wieviele unterschiedliche Geräuschklänge das Holz eines Flügels hergibt. Und wieder rauschende Klangkaskaden. Der vierte, ein langsamer Satz, brachte Quintiges und Vielklänge von ungeahnter Schönheit. Den fünften Satz könnte man mit Toccata (geschlagen) bezeichnen. Mit Handkante, Fäusten und Fingern erzeugte Claudia Binder eine große Wildheit, Vulkanausbrüche. In der Mitte beruhigte sie die Tonfluten und dann brach wieder Urgewalt hervor. 45 Minuten Improvisation und keine Sekunde Langeweile! Welch eine Künstlerin!


Jazzthetik 1999
The Great Musaurian Songbook
Out of a suitcase
Claudia Ulla Binder, Piano;
Dieter Ulrich, Schlagzeug;
Alfred Zimmerlin, Violoncello
Musikszene Schweiz/Grammont Portrait MGB CTS-M60

Improvisierte Musik kommt vielen Hörern arg "abstrakt" vor- zumal im Tonträger-Substrat, wenn die Akteure und ihre Gesten unsichtbar bleiben. Keine "Melodien", kein "Rhythmus", keine "Form", die Anhaltspunkte böten. Dieses Schweizer Trio bietet denjenigen, die nach Greifbarem suchen, wenigstens ein Stück selbstgefälschte Geschichte: apokryphe Dokumente eines Volkes aus Musaurien - eine Postkarte, ein Kalenderblatt, ein Gedicht und mehr, mit philologischer (bzw. ironischer) Akribie im CD-Beiheft beschrieben, imaginäre Fundstücke, von drei erfahrenen Improvisatoren vertont.
Und die Musik der Musaurier? Freie Trio-Improvisationen mit beachtlichem ästhetischen Spektrum, von ruhigen Sondierungen gehaltener Klänge über Geräusch-Miniaturen bis zu Swing- und Jazz-Balladen-Abstraktionen, und am Schluss gar ein echter musaurischer Walzer samt Trompetenstößen. Keine "puristische" improvised music mit Puls- oder Motiv-Verbot also, eher eine Musik der Möglichkeiten ohne allzu schnell auszumachende individuelle oder kollektive Markenzeichen. Schwer dingfest zu machen eben, wie das rätselhafte Volk aus Musaurien.
PETER NIKLAS WILSON


AMG-Unit 18th September 2000

Claudia Ulla Binder is a piano teacher based in Zürich. Although she has been active on the improvised music front since the early 1980s, her work has been rarely documented. This Solo Piano CD, recorded September 8 and 9, 1999, at Boswil (Switzerland), introduced her to a wider audience. She favors short pieces (mostly between two and four minutes), which allow her to explore various styles. The boundary between composition and improvisation is blurry: although the pieces are clearly improvised, it seems their setting was predetermined. In general, Binder's playing belongs to the contemporary piano music tradition rather than jazz. One can hear the influence of Charles Ives on pieces like "Etwas Flatterhaft" while Cagean techniques are applied on other numbers. The almost serial construction of" ist die Frage" contrasts with the string-scratching on "Honiglied" or the eerie buzzing strings on "City Night Lines", clearly the most surprising track (did she use an E-Bow to make them vibrate like that?). "Solo Piano" illustrates the creativity and versatility of the pianist and makes an enjoyable listen, thanks to Binder`s musical language constantly revised from one piece to the next.
FRANCOIS COUTURE


Jazz Notes No. 60 1er Octobre 2000
UNIT RECORDS
Claudia Ulla Binder "Solo Piano". UTR 4126.
Enr.: septembre 99. Dur.: 50'21 "

Pianiste suisse qui se situe dans Ie courant avancé de la composition musicale, elle interprète 13 pièces originales qui viennent d'une inclinaison assez recherchée, où I'improvisation joue un large jeu. C'est à la fois abrupte et tendre, parfois romantique, mais en tout cas ne tombant jamais dans un racolage quelconque. Un ton sérieux où la musique fait son office dans une recherche de création instantanée, qui dénote d'une connaissance approfondie, et d`une témérité certaine " Honiglied ". Pour mélomane avancé.


Concerto Dezember 2000 / Januar 2001
Claudia Ulla Binder "Solo Piano" UTR 4126,
Vertrieb: Extraplatte

Drei neue Produktionen aus der Schweiz, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die die enorme Bandbreite widerspiegeln, welche Jazz und Jazzverwandtes bei unseren westlichen Nachbarn aufweist.
Was fällt einem unter der Rubrik "Schweizer Pianistinnen/improvisierte Musik" ein? Natürlich Irène Schweizer, dann noch Sylvie Courvoisier als Vertreterin der jüngeren Generation. In Zukunft wird man sich auch den Namen Claudia Ulla Binder merken müssen. Die in Zürich lebende Musikerin ist auch als Klavierpädagogin tätig und legt mit Solo Piano" eine Liveaufnahme aus dem Jahr 1999 vor, die mit zehn Miniaturen und drei längeren Stücken ein Resümee ihres derzeitigen Schaffens darstellt. Meist an den Tasten, mitunter auch im Körper des Klaviers, stets mit starken dynamischen Schattierungen und zum Glück auch mit ironischem Augenzwinkern agierend, spielt Binder oft frei und assoziativ, dann wieder sehr formstreng. Hervorzuheben wären ihre dekonstruktivistische Deutung von Monks Round ‚Midnight' (bei ihr ..runde Mitternacht..') oder die impressionistische Skizze "Nachtigall beim Schattentanz".


WOZ 23.November 2000
In den Tiefen des Flügels

In die Tasten greifen! Ins Innere des Flügels abtauchen! Die Pianistin Claudia Ulla Binder ist ständig auf der Suche, ob als Mitglied der WIM, als Interpretin neuer Musik, beim Unterrichten oder neuerdings beim Komponieren. Ausserdem hat sie einiges zur Zürcher Musikszene zu sagen und ein paar Wünsche offen.
LISLOT FREI
In Claudia Ullas Atelier an der Goldbrunnenstrasse gibts nicht bloss einen, sondern zwei Flügel. Das Haus steht frei, keine genervten Nachbarn, ihr Atelier ein schöner heller Raum mit grossen Fenstern. Ein Glücksfall, hundert Meter von ihrer neuen Wohnung entfernt. Der Raum inspiriert, da hat sie schon Konzerte für 20, 30 Leute organisiert. Zum Beispiel Claudia Ulla Binder im Duo mit Irène Schweizer. Oder mit Ulli Johannes Kieckbusch. Und es kommen Leute her zum freien Improvisieren. Schliesslich stammt sie aus einer ganz besonderen Küche, die da heisst WIM, Werkstatt für Improvisierte Musik. Dort ist sie dabei, seit sie 1986 von Berlin nach Zürich gezogen ist.
Endlich lange Töne
Und jetzt liegt ihre allererste Komposition auf dem Tisch. "Rohschliff" heisst sie, geschrieben hat sie sie letztes Jahr für Werner Bärtschis "Rezital"-Reihe im Rahmen des Programms "9 Uraufführungen von 9 Zürcher KomponistInnen". Die Besetzung für Alt- und Bassflöte sowie Klavier mit drei e-bows ist speziell, aber die Liebesgeschichte zwischen Claudia Ulla und diesen kleinen Effektgeräten ist es auch. Der e-bow, ursprünglich für die E-Gitarre konstruiert, ist eine elektromagnetische, von einer 9-Volt-Batterie betriebene Spule. Flügeldeckel auf, Pedal runter, e-bow im Flügelinnern auf die frei schwingenden Saiten halten, und schon dröhnts und sirrts wie ein exotisches Blasinstrument. Endlich mal lange Töne, die nicht verklingen. Nicht grad klavierüblich, aber eine tolle Sache, sie kann damit ihr Schlag-, Hack- und Rhythmusinstrument tüftelnderweise überlisten und umfunktionieren, wie das John Cage früher mit seinen Angelschnüren gemacht hat. In "Rohschliff" umspielt die Flöte diese geheimnisvollen stehenden Klänge, das wirkt ganz frei, beinah melodiös. Aber alles ist genauestens notiert. Ja, sie habe eine Tabelle konstruiert, wie das die Komponisten so tun, kichert sie. Bloss die unerzogenen e-bows machen hie und da unkalkulierbare Störgeräusche, wenn ihre Plastikhülle die Saiten streift.
Rohschliff eben, mit Unebenheiten. Wenn das keine Absicht ist! Ein sehr schönes Stück Musik ist das. Meditativ, ein bisschen fernöstlich. Fernöstlich? Dazu fällt ihr nur etwas ein, ein chinesisch anmutendes Kleidungsstück, das sie gern an Konzerten trägt.
Traum: Claudia sitzt in einer Ecke. Ein Fest, viele Leute um sie herum, lockere Stimmung. Sie beteiligt sich nicht, sitzt da in asiatischer Kleidung, das Gesicht verschlossen, beobachtend. Ein Schriftgelehrter, eine Schriftgelehrte. Die Leute nehmen sie respektvoll wahr, lassen sie aber in Ruhe. Sie nickt würdevoll.
Hinein in den Flügel! Das ist nicht Frust, sondern Lust, denn ihre Tür zur Musik ist der Klang. Sogar Rhythmen und Harmonien hört sie als Klanggebilde im Raum. Die Elektronik hat sie für sich aber als untauglich abgehakt, auch wenn sich noch so neue Welten auftun, denn wenn die Saiten nicht mehr vibrieren, ist der Reiz weg. So gräbt sie sich halt tiefer und tiefer in den Flügel hinein, um von da unten alles rauszuholen, was rauszuholen ist. Und entgeht erst noch der Immobilität, dem ewigen Sitzen am Flügel, diesem schwarzen Kasten oder am Klavier, der Wand. Aufstehen, sich bewegen, ein paar Schritte nach links, rechts, vorne - das macht Spass. Mit e-bows rumtüfteln, chinesische Gymnastikbälle auf den "unendlich langen Basssaiten" eines Steinway-D-Konzertflügels rollen lassen und dabei unvermutet auf verrückte Obertöne stossen - so was gefällt ihr.
Runde Mitternacht
Auf ihrer ersten Solo-CD sitzt Claudia wieder. In Boswil hat sie sie aufgenommen, wo auch schon Irène Schweizers zwei Soloplatten entstanden sind. Eigentlich wollte sie ein einziges, schönes, langes Klangband produzieren. Aber dann hat sie sich am ersten Abend absichtslos eine Stunde ans Klavier gesetzt und "rumgespielt", et voilà, fertig war der grösste Teil der CD. Was ihr an diesen kurzen Tastenspielen gefällt, ist die Ruhe, das Wachsen der Musik aus der Stille heraus und wieder in die Stille hinein. Aber anders als in "Rohschliff" gibt es jede Menge schnelle Läufe und wilde Ausbrüche; nichts ist konzipiert oder vorstrukturiert. Es könnten trotzdem Kompositionen sein, sage ich, und dieses starke Formgefühl teilt Claudia Ulla mit Irène Schweizer. Schönes Kompliment, findet sie, denn schliesslich ist Irène neben Marilyn Crispell und Cecil Taylor eine wichtige Figur in ihrer musikalischen Entwicklung. Und "Runde Mitternacht" auf der Solo-CD ist natürlich eine Anspielung auf Thelonious Monks "Round Midnight".
Traum: Claudia klettert. Sie steigt eine Felswand hinab in einen tiefen, weiten Canyon. Sie will und muss da runter. Keine Schwindelgefühle, keine Angst vorm Fallen. Ihre Finger ertasten sich die kleinen Unebenheiten im Fels, an denen sie sich entlanghangeln kann. Ihre Hände greifen danach, wie wenn sie sich auf Klaviertasten senken würden. Ein gutes Gefühl, irgendwie sicher.
Das Klavier ist ihr Ding. In verschiedensten Formationen oder solo hat sie in Willisau gespielt, am London-Jazz-Festival, am New-Music-America-Festival. Zum Beispiel mit dem Cellisten Alfred Zimmerlin und dem Drummer Dieter Ulrich. Von diesem Trio gibts die CD "The Great Musaurian Songbook". Im neuen Trio ist neben Ulrich der Bassist Christian Weber dabei. Diese Art des Zusammenspiels mag sie, das Proben funktioniert, was so viel heisst wie spielen, lachen, schwatzen, fun, fun, fun, eine gute Zeit haben ... schon ziemlich unverschämt.
Eine sehr gute Zeit hatten in den achtziger Jahren die "Lachenden Aussenseiter" der frei improvisierten Musik. Claudia Ulla Binder gehörte dazu. Heute beklagen viele, dass der Dampf draussen ist, wenig Interesse mehr, wenig Publikum. Sie nicht. Das freie Improvisieren ist für sie ein luxuriöses Hobby. Eigentlich sieht sie einen Glücksfall in der Kopplung von der gewaltigen politischen Aufbruchstimmung der siebziger und frühen achtziger Jahre und der unglaublichen Kreativität und Inspiration der freien Musik. Sie gibt zwar zu, auch für sie war es ein langer Lernprozess, zu merken, dass nichts mehr wie früher ist. Aber, so Claudia lakonisch, die Zeiten ändern sich halt. Wichtig ist, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Zum Beispiel eine neue Umgebung für sich und ihre Musik zu finden. Ins "Moods" passe sie eh nicht.
Zu viel Nostalgie
Die Zürcher Alternativszene ist ein bisschen schläfrig geworden, findet Claudia Ulla. Zu viel Nostalgie, es muss sich was tun, bloss im eigenen Saft köcheln kann lähmen. Als Mitglied der "ag Fabrikkomposition" Rote Fabrik hat sie beim 20-Jahr-Jubiläum gemerkt, was Öffnung bewirken kann. Projekte von aussen waren gefragt, gemeldet haben sich viele, und plötzlich war die Szene wieder lebendig. So, meint sie, hat sich eben auch der Status der frei improvisierten Musik verändert. Früher war sie Protest, Ideologie, Lebensart, sogar Lebenssinn. Heute vielleicht eher eine von verschiedenen Sprachen, die sie als Musikerin spricht. Oder eine Tasche voll mit gesammelten Materialien, die sie nach Bedarf rausziehen, zusammensetzen und bearbeiten kann. Immerhin ist Improvisation heute an den meisten Schweizer Musikhochschulen gefragt oder sogar Pflichtfach geworden.
Und sonst? Sonst holt sie zurzeit ihren Marthaler im Theater nach, schaut sich Spoerli-Ballette an, hört zuhause ihre Lieblings-CDs, zum Beispiel ein - wunderschön romantisches! - Duo mit Kenny Barron und Charlie Haden, und ist alles in allem ein völlig wahllos hörender DRS-2-Junkie (danke sehr, liebe Claudia!). Noch was? Ja. Claudia Ulla Binder sucht einen Mäzen. Einen grossen.
C. U. B. mit Alfred Zimmerlin, "Seitenflügel", Unit Records
C.U.B. u.a. mit Jean-Marc Montera und Maud Sauer, "Humannoise Congress", Hybrid Deutschland
C. U. B. mit Dieter Ulrich und Alfred Zimmerlin, "The Great Musaurian Songbook", Musikszene Schweiz, Grammont Portrait
C. U. B., "solo piano", Unit Records


Traumarbeit im Theater Stok
Musikprojekt nach lngeborg Bachmann

VON JÜRG HUBER

Im Oktober jährt sich Ingeborg Bachmanns Todestag zum dreissigsten Mal. Aus diesem Anlass hat sich die Flötistin Susann Wehri mit dem "Buch Franza" beschäftigt und daraus ein hellsichtiges Textfragment über die Dramaturgie des Traumes ausgesucht. Elisabeth Wandeler- Deck hat über dieses Fragment für diesen Abend einen Text vefasst. "Da geht die Strasse gehen die Leute" heisst die aus diesen beiden Elementen entwickelte Musikproduktion, die Wehrli zusamnen mit der Pianistin Claudia Ulla Binder und der Sprecherin Tiziana Jelmini im Theater Stok zur Aufführung brachte. Wie ein Cantus Firmus zieht sich Bachmanns Text durch die knapp fünfzigminütige Performance, in der Traumlogik und musikalische Logik eins werden. Jelmini rhythmisiert die beiden Texte, splittert sie auf, montiert sie neu; ein Wort bleibt hängen, Rätsel bleiben ungelöst, Instrumentalklänge überwuchern die Sprache. Wehrli und Binder agieren hellhörig und öffnen mit Klängen verschiedener Dichtegrade Assoziationsräume. Körperhaft-expressiv bis hin zu Atem- und Artikulationsgeräuschen ist Wehrlis Fl
ötenspiel; ernsthaft-gelassen greift Binder in die Tasten, oft auch in die Eingeweide des Flügels, denen sie mit allerlei Gerätschaften die wunderlichsten Klänge entlockt.
Zürich, Theater Stok; 16. Mai.


Zürcher Oberländer 7. Oktober 2003
Traumanalysen gemixt aus Text und Musik
Susann Wehrli, Claudia Ulla Binder und Tiziana Jelmini im Sternenkeller Rüti
VON ROSMARIE SCHMID

Der Flötistin Susann Wehrli ist mit ihrer Produktion "Da geht die Strasse gehen die Leute" eine packende Verbindung von zeitgenössischer Musik und Literatur gelungen. Nach Bern und Zürich genoss am Samstag das Publikum im Sternenkeller Rüti die aussergewöhnliche Musikproduktion. Gepackt und weggetragen von einem Sog aus Musik und Worten, gehen Raum, Zeit und Wirklichkeit verloren. So könnte das Musikprojekt "Da geht die Strasse gehen die Leute" beschrieben werden. Damit ist Susann Wehrli mit einem Textausschnitt aus "Das Buch Franza" der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zum Thema Traum eine eigenwillige Produktion gelungen - ihre erste. Ausgangstext und Antworttext Die szenische Lesung ist als Hommage an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu deren 30. Todestag entstanden. Dem vielschichtigen Text Bachmanns, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit überlagern, liess sich Wehrli für dieses Projekt von Elisabeth Wandeler-Deck einen Antworttext gegenüberstellen. Wandeler-Deck arbeitet regelmässig mit improvisierenden Musikerinnen und Musikern und tritt selber als improvisierende Musikerin auf. Was da entstanden ist, sucht seinesgleichen. Erfahrungen verschmelzen Der kleine Sternen-Keller schien wie geschaffen für die drei Frauen. Für die Pianistin Claudia Ulla Binder, die entweder mit fliegenden Fingern über den Tasten dem Instrument alles abverlangte oder dem Klavier die Eingeweide (Saiten) mit verschiedenen Gegenständen kitzelte, wodurch die wundersamsten Klänge entstanden. Wehrli selber wirkte, mit ihrer Querflöte oder dem kleinen Piccolo entrückt und total ins Geschehen versunken. Text und Musik im Einklang Dabei lassen die beiden Musikerinnen ihre klassische Herkunft, die Beschäftigung mit Neuer Musik, Jazz und die reiche Erfahrung mit Improvisationen verschmelzen. Mal ist die Musik im Vordergrund, überdeckt den von Tiziana Jelmini gesprochenen Text oder antwortet ihm. Der nicht einfach vorzutragende, vielschichtige Text beginnt erst durch die eindrückliche, geschulte Stimme Jelminis zu leben. Wie zufällig werden Passagen nachdenklich wiederholt, gehen in der Musik unter oder werden als Antworten dem Grundtext entgegengerufen. Spielerisch, ungläubig und sprunghaft interpretiert Jelmini das Geschriebene in zwei verschiedenen Stimmnuancen, einmal vortragend, dann fast unverständlich flüsternd, wodurch die Worte von heute den Ausgangstext einholt. Die Worte Franzas: "... es gehört zu mir, ich bin zu meinen eigenen Träumen gekommen, meine Tagrätsel sind grösser als meine Traumrätsel, du merkst dann, dass es keine Traumrätsel gibt..." und Wandeler-Decks Antworten, wie auch die subtile Musik verschmelzen zu einer Symbiose, die zum traumhaften Erlebnis wird. Wer zeitgenössische Musik mit ihren Improvisationen und Texten, die beginnen, aber nicht immer enden, liebt, für den sind Susann Wehrli, Claudia Ulla Binder und Tiziana Jelmini sicher ein Geheimtipp.


Tages-Anzeiger 23. Dezember 2005
Eintauchen in Klangwelten Claudia Ulla Binder im Moods
VON NICK LIEBMANN

Wäre der Begriff nicht ein kulturpolitisch inkorrektes Klischee, man würde hier gerne auf ihn zurückgreifen: Die Improvisationskunst der Pianistin Claudia Ulla Binder ist typisch weiblich. Wo die meisten Improvisatoren im leeren, unstrukturierten Raum einen abgrundtiefen Horror Vacui empfinden und mit einem wilden Aktionismus darauf reagieren, ist bei der Wahlzürcherin die Pause angesagt. Da wird den Klängen nachgelauscht, die Stille nimmt zuweilen so viel Raum ein, dass den Zuhörern angst und bange wird. Wilde Klangkaskaden und brachiale Clusters sind nicht die Sache von Claudia Ulla Binder. Sie sucht ganz spezielle Klänge, spielt gerne im Inneren des Klaviers, wobei sie mit ungewöhnlichen elektrischen Vibratoren die Saiten zum Schwingen bringt, so dass ganz ungewohnte, attraktive Hörwelten aufgehen.
Der britische Tenor- und Sopransaxophonist John Butcher - übrigens ein promovierter Atomphysiker - erwies sich im zweiten Teil des Konzerts als kongenialer Duo-Partner der Pianistin. Auch er ist ein Klangtüftler, der über weite Strecken die ungewöhnlichsten polyphonen Sounds, vogelstimmenähnliches Zwitschern und Zirpen, tonlose Effekte und durch Zirkularatmung erzeugte Perpetua mobilia in den Raum projiziert. Während des ersten Teils des Abends im gut besuchten Moods stellte sich allerdings das Trio der Pianistin vor, das bereits seit sechs Jahren besteht. Dabei erwiesen sich der klassisch ausgebildete, vielseitige Kontrabassvirtuose Christian Weber und der erfrischend unorthodoxe Schlagzeuger und Perkussionist Dieter Ulrich als hellhörige Partner, die mit fast telepathischer Präzision auf die Klangexpeditionen von Claudia Ulla Binder reagierten. So geschlossen und formbewusst kamen einzelne Passagen daher, dass man Strukturen und Entwicklungen zu erleben schien, die bereits vorher abgesprochen waren.
Dass das reichhaltige Konzert als CD-Taufe angesagt war, musste ein Schmunzeln auslösen. Denn die Ergebnisse frei improvisierter Musik fallen ja jedes Mal anders aus, womit ein Tonträger immer eine unwiederbringliche Momentaufnahme bleiben muss.
Aktuelle CD: BOX, Ten Variations On An Unknown Theme, Origin Records (erhältlich über www.amazon.com)